Montag, Mai 27, 2019

Leben im Wohnwagen

LEBEN AUF EINEM WOHNWAGENPLATZ - LEBEN AUF DER REISE

Leben in der Großfamilie auf einem Wohnwagenplatz. Man ist dort geboren, die Eltern und die Großeltern standen schon auf diesem Platz. Jeder kennt jeden. Nicht alle hier sind miteinander verwandt, aber man wohnt schon sein ganze Leben zusammen auf diesem Platz. Man ist hier zuhause, auf diesem Platz, in dieser Gemeinschaft, man arbeitet in der Stadt, die Kinder gehen in der Stadt zur Schule.

Das letzte Stückchen Freiheit, das einem kleinen Teil der Reisenden in Deutschland geblieben ist?

Den Duft der Freiheit, den Titel haben wir von einem unserer Mitschreiber hier auf der Seite - Dankeschön Meier Ursel - aus unserem vorigen Post, gibt es noch. Wir berichten nicht aus einem vergangenen Jahrhundert. Die Reisenden dort ziehen nicht mehr mit Pferd und Wagen durch das Land, sondern in modernen Wohnwagen.

Schweiz
Die Reisenden dort in diesem Land haben eine ganz ähnliche Geschichte wie die in Deutschland, auch dort waren die Nazis sehr aktiv. Sie nahmen den einheimischen Reisenden die Kinder weg. Staat und Kirche Hand in Hand, fast wie im Mittelalter. Die Kinder mussten bei fremden Leuten arbeiten, wurden misshandelt, eingesperrt wie Strafgefangene und dem Leben auf der Reise entfremdet. Die Eltern durften ihre Kinder nicht besuchen, nicht abholen. Erwachsene Männer und Frauen wurden zwangssterilisiert. Von 1926 bis 1973 war das “Hilfswerk für Kinder der Landstrasse” damit beschäftigt, das Reisende Gen gewaltsam auszumerzen. Es sollte keine Nachfahren geben, auch sesshafte Familien der vormals Reisenden waren betroffen. Ein nicht ganz unblutiger kultureller Genozid gegenüber in erster Linie den Jenischen, aber auch gegenüber den wenigen Sinti dort in der Schweiz.

Als die Platznot am größten war, haben sich die Reisenden gewehrt. Wenn sie sich nicht gewehrt hätten, wären sie genauso aus der Geschichte verschwunden wie Ihr hier in Deutschland. Sie wollten das Reisende Leben mit den eigenen Traditionen und der eigenen Kultur nicht aufgeben und haben sich die Plätze genommen, die sie nicht bekamen. Das Reisende Volk der Schweiz, Jenische und Sinti, ist auferstanden und hat für seine Rechte gekämpft.

Die nomadische Kultur der Schweizer Jenischen und Sinti wurde letztes Jahr endlich in der Liste der Lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen, denn sie stellen eine Bereicherung der heimischen Schweizer Kultur dar. Die Jenischen leben schon immer in vielen Ländern Europas und die Sinti sind schon seit 600 Jahren in Westeuropa unterwegs. 10 Prozent der vormals Reisenden Familien der Schweiz sind heute noch und wieder auf der Reise.

Frankreich
Auch in Frankreich sind die Jenischen und die Sinti Teile des Fahrenden Volks und kämpfen zur Zeit gemeinsam mit den anderen Völkern des Fahrenden Volks und den In- und Ausländern der Mehrheit in gelben Westen vereint gegen die volksfeindliche Politik von Macron und das Carle-Gesetz, das das Reisende Volk abschaffen soll. Auch in Frankreich kennt man noch den Duft der Freiheit und verteidigt ihn.

Niederlande
Die Niederlande haben ihre eigene sehr traurige Geschichte, auch dort wurde der Duft der Freiheit Ende des letzten Jahrhunderts von den Behörden der Mehrheit zwangsweise abgestellt, man wurde auf Plätzen versammelt, erst auf großen Plätzen, dann auf kleinen Plätzen, die Familien wurden auseinander gerissen und verteilt. Es herrschte eine Aussterbe-Politik, leer gewordene Plätze durften nicht mehr besetzt werden. Die Kinder blieben bei den Eltern oder mussten in Wohnungen umziehen. Auch in den Niederlanden wurden Plätze aufgelöst und die Bewohner mussten in Wohnungen umziehen.

In den Niederlanden ist die Zusammenstellung des Fahrenden Volks ein bisschen anders als in der Schweiz. In den Niederlanden gibt es einen hohen Anteil an Leuten der Mehrheit, die seit ungefähr 1850 auf der Reise sind. Die vielen Völker der so genannten Roma sind in den Niederlanden im Fahrenden Volk integriert, die Sinti ebenfalls und die Jenischen muss man mit der Lupe suchen. Auch in den Niederlanden wurde der größte Teil des vormals Fahrenden Volks zwangssesshaft gemacht.

Die Reisenden in den Niederlanden haben sich ebenfalls zur Wehr gesetzt, ihre Kultur wurde schon vor Jahren in der Liste des Immateriellen Erbguts der Niederlande aufgenommen. Lebendige Traditionen wollen und sollen gelebt werden, das geht aber nur, wenn das Leben im Wohnwagen gewährleistet ist.

Das Kollegium für die Menschenrechte der Niederlande hat sich sehr aktiv in die Aussterbe-Politik der Gemeinden eingemischt und den Gemeinden Verweise erteilt. Der nationale Ombudsmann der Niederlande hat das Fahrende Volk aufgefordert, sich mit Klagen und Beschwerden an ihn zu wenden. Diese beiden Instanzen haben dann letztendlich ein Umdenken in der Regierung bewerkstelligt und die größte Überraschung für das Reisende Volk war vermutlich, dass die allerorts praktizierte Aussterbe-Politik gesetzlich gar nicht verankert war. Die Gemeinden wollten das Fahrende Volk los werden und hatten das Gesetz dahingehend ausgelegt. Das soll jetzt langsam dahingehend berichtigt werden, dass es wieder mehr Wohnwagenplätze gibt, ein Vorhaben das vielerorts auf taube Ohren bei den Behörden der Gemeinden stößt.

Soweit ein kurzer Blick zur Situation des Fahrenden Volks in drei anderen Ländern.

Ihr sitzt also fest auf Wohnwagenplätzen in Deutschland, ausgeliefert an Verwalter .. mit oder ohne Mietverträge?

entrechtet

Ist euch das Rahmenabkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten bekannt? Hier der Link: www.nationale-minderheiten.eu

Nicht alle Minderheiten sind anerkannt, die weiße Hautfarbe ist nicht unbedingt von Vorteil, wenn man Nomade in Europa ist. Man sieht aus wie die Mehrheit und alle meinen, man gehöre zur Mehrheit. Das ist ein Trugschluss, denn es gibt europäische Nomaden und entgegen der Annahme der modernen, durch die Nazis geprägten Meinung der Mehrheit, sind Nomaden absolut keine Schande für Deutschland und Europa, sondern ein Kleinod, das man hüten, schützen und pflegen sollte, denn sie sind eine riesige Bereicherung der Länder in denen sie leben und waren einst sehr angesehene Handwerker und Künstler. Die Jenischen, in Europa zuhause, ein eigenständiges Nomadenvolk mitten in der sesshaften Mehrheit. Die weiße Hautfarbe hat das jenische Volk leider noch nie vor der Verfolgung bewahrt, wer reist, war der Kirche und den Behörden seit jeher ein Dorn im Auge. Die Foltermethoden des Mittelalters waren noch entsetzlicher als die der Nazis, aber nicht so umfassend.

Reisende Deutschlands wehrt euch, Ihr habt Rechte … aber Ihr müsst sie einfordern, sie werden euch leider nicht geschenkt.

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