Sonntag, Juni 30, 2019

Protokoll zum 25.06.2019

NACHBESPRECHUNG ZUR VERSAMMLUNG VOM 25. JUNI 2019 ZUR SITUATION DER BEWOHNER DES WOHNWAGENPLATZES AN DER BONAMESER STRASSE IN FFM

Am 25.06.2019 um 18 Uhr fand im Cafe Melange am Römer in Frankfurt a.M. eine Versammlung über den Wohnwagen-Platz an der Bonameser Strasse statt, wir hatten auf unserer Facebook Seite darauf hingewiesen, der Hinweis wurde von vielen anderen Facebook Seiten geteilt.

Jemand von unserem Team und vom Team der European Yenish Union war anwesend, da diese Versammlung als sehr wichtig eingestuft wurde. Wir hatten erwartet, dass ein Vertreter der Stadt Frankfurt und ein Vertreter von der Wohnheim GmbH, Vertreter der Parteien und die Damen und Herren vom Wohnwagenplatz anwesend sein würden und dass es bei dieser Versammlung um die heutige Situation auf dem Wohnwagenplatz an der Bonameser Strasse gehen würde. Als wir kamen waren zirka 50 Personen anwesend, zusammen mit den Damen und Herren vom Wohnwagenplatz waren in etwa 100 Leute da.

Wir erfuhren vor Ort, dass diese Versammlung von einer Frau Dr. Sonja Keil vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche organisiert und veranstaltet worden sei.

Kein Vertreter der Stadt Frankfurt, kein Vertreter der Wohnheim GmbH nahm an dieser Veranstaltung teil, so weit uns bekannt. waren auch keine Vertreter einer Partei anwesend, keine Journalisten. Die Damen und Herren vom Wohnwagenplatz an der Bonameser Strasse in Frankfurt waren anwesend und einige Damen und Herren aus der Mehrheit.

Frau Keil führte als Organisatorin durch die Veranstaltung. Sie zeigte zunächst einen Film zur Tätigkeit der Hochseilartisten aus dem vergangenen Jahrhundert, den Vorfahren einiger der anwesenden Bewohner des Platzes, sie zeigte Bilder des Wohnwagenplatzes an der Bonameser Strasse aus den Anfangsjahren des Platzes ab 1953 bis in die Gegenwart.

Es machte den Eindruck, als würde die Geschichte der Reisenden erst auf dem Platz an der Bonameser Strasse 1953 ihren Anfang genommen haben. Dass die Geschichte der betroffenen Volksgruppen sehr alt ist, wurde gar nicht erwähnt. Dass es im Dritten Reich ein sehr trauriges Kapitel gegeben hatte, wurde dann - auf Anfrage der Dame von der European Yenish Union - auch angesprochen, aber nur sehr flüchtig. Das Publikum erfuhr, dass es eine Verfolgung der "Menschen" von Seiten des Nazi Regimes gegeben habe, damals wurden von einem Herrn Doktor Robert Ritter Forschungen und Vermessungen der Kopfform und der Augen durchgeführt... Gaukler, Händler, Artisten und Jenische wurden damals als Zigeuner und Zigeuner Mischlinge bezeichnet und verfolgt und aus jeder Familie kamen Angehörige ins KZ.

Frau Keil machte darauf aufmerksam, dass es auf dem Platz an der Bonameser Strasse kaum Zigeuner gegeben habe, dennoch wurde dieser Platz sehr lange als 'Zigeunerlager' bezeichnet und ist auch heute noch unter dieser Bezeichnung bekannt. Frau Keil versteht unter dem Begriff "Zigeuner" den angeblich politisch korrekten Terminus 'Sinti und Roma', die also auf diesem Platz angeblich nicht anwesend waren, wohl aber Sinti, deren Vorfahren ebenfalls verfolgt und ermordet wurden. Jenische und Reisende sind in diesem Begriff nicht enthalten, laut Frau Keil fallen diese Personengruppen nicht unter den Begriff Zigeuner und Sinti passen wohl nicht in ihr Buch, da sie nicht mehr als verarmte Randgruppe der Mehrheit bezeichnet werden können, denn sie sind als eigenständige Minderheit anerkannt, die Jenischen leider noch nicht wieder.

Wie entsetzlich die Verfolgung war, wer Robert Ritter in Wirklichkeit war, welche Funktion er hatte und was mit den im Dritten Reich verfolgten Zigeunern und Zigeunermischlingen geschah, wurde von Frau Keil nur ganz lapidar am Rande erwähnt, die Menschen seien wegen ihrer nicht sesshaften Lebensform als Kriminelle und Nomaden verfolgt worden und würden aufgrund dieser Verfolgung heute zusammen halten, eine soziale Lebensform, die sich aus der damaligen Verfolgung und der fehlenden Bereitschaft der Behörden diese "Menschen" nach dem Krieg zu fördern oder anzuerkennen ergeben habe. Der Einwand, dass diese Darstellung falsch ist, wurde von Frau Keil ebenso übergangen wie der Zwischenruf eines Reisenden zur Person von Ritter, sie fühlte sich gestört in ihrem Vortrag. Sie ging nicht auf die Jahrhunderte alte Geschichte der angesprochenen Volksgruppen ein, auch nicht auf den Umfang der Verfolgung und dass diese Verfolgung willkürlich auf der entstellenden Nazi Propaganda basierte, kam ebenfalls nicht zum Ausdruck, obwohl sie auf einen Zwischenruf hin meinte, dass sie dies ja angesprochen habe. Sie hat auch nicht erklärt, wer Nomaden sind oder wie Nomaden leben.

Als nächstes wurde uns dann ein Film über die Reisenden Schulen von Zirkussen gezeigt, wo Lehrer den Schulstoff auf der Reise vermitteln, mithilfe des Internets. Hier hätte der Vortrag von Frau Keil vermutlich geendet, der wohl ausschließlich die Geschichte der auf dem Platz lebenden Gaukler, Händler, Artisten und Jenischen von 1953 bis 2000 beleuchten sollte. Die gezeigten Filme waren sehr interessant und sehr beeindruckend.

Der Vortrag von Frau Keil wurde ohne Mikrofon gehalten, sie sprach leise wie jemand, der diesen Vortag auswendig gelernt habe. Ihr Vortrag kannte keine Höhen oder Tiefen, keinen Ausdruck, keine innerliche Beteiligung oder Empathie, sie leierte einen Stoff, den sie auswendig gelernt hatte, der im Wortlaut auf der grossen Leinwand gezeigt wurde und der zum Teil nahezu unverständliche, aber sehr gelehrt klingende Formulierungen ohne Inhalt enthielt, leise und nuschelnd herunter.

Nun ergriffen die Damen und Herren Bewohner des Wohnwagenplatzes von der Bonameser Strasse das Wort und führten das Publikum zum Brennpunkt des Geschehens, zur Situation des Wohnwagenplatzes an der Bonameser Strasse heute. Mehrere Damen und Herren der Reisenden sprachen, beantworteten Fragen. Frau Keil versuchte diese Diskussion zur heutigen Situation abzublocken, die Diskussion zu beenden, das schien weder der Schwerpunkt, noch das Thema, noch von Interesse für das Publikum zu sein, das sich nun belebte und viele Fragen hatte, die von den Bewohnern des Platzes engagiert beantwortet wurden. Die Wortmeldungen sollten von einem Assistenten geregelt werden, wurden dann aber abgeblockt und die Diskussion wurde sehr abrupt beendet.

Ohne den Eingriff der Reisenden vom Platz an der Bonameser Strasse wäre diese Veranstaltung ein sehr uninteressanter, nur zu einem kleinen Teil zutreffender und sehr flüchtiger Einblick in das Leben von Hochseilartisten und Zirkuskindern geblieben, kein Hinweis darauf wer oder was Jenische sind, kein Hinweis auf die Jahrhunderte alte Geschichte oder auf die Kultur der Völker, Zigeuner gab es anscheinend erst ab den Dritten Reich .. das Publikum hat wahrscheinlich sehr viele Fragen und - wenn es denn zugehört und nicht nur genickt hat - nur sehr wenig begriffen, davon ausgehend, dass nicht jeder der Zuhörer ein detailliertes Wissen zum Reisenden Volk hat ...

Ohne die zirka 30 minütige Diskussion zum Brennpunkt des Platzes an der Bonameser Strasse heute, würden wir diese Veranstaltung staunend als "Thema verfehlt" kritisieren. Ein Interesse, Engagement oder eine Empathie gegenüber den auf dem Platz lebenden und durch die Stadt Frankfurt und die Wohnheim GmbH bedrohte Wohngemeinschaft seitens Frau Keil war nicht zu bemerken. Solche Vorträge sollten besser von Betroffenen selbst gehalten werden, denn vielen Leuten der Mehrheit gehen das Wissen und die Betroffenheit ab.

Wir bedauern auch, dass weder die Stadt Frankfurt, noch die Wohnheim GmbH anwesend waren, um zu einer Klärung der Situation beizutragen.

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Der Kommentar von Jäcky Bauer zu diesem Beitrag hat mir endlich die Augen geöffnet, um was es bei dieser Versammlung überhaupt gehen sollte. Frau Keil verwendete sehr oft den Ausdruck "diese Menschen". Wir sind alle Menschen, aber warum verwendet man den Ausdruck "Menschen", wenn man Volksgruppen meint, also Schausteller, Zirkusleute und Jenische? Wir sind Volksgruppen und haben Namen, einem unwissenden Publikum zu erzählen, dass 'diese Menschen' wegen ihrer nicht-sesshaften Lebensweise verfolgt wurden, weil man annahm, dass sie Kriminelle und Nomaden waren, ist sehr undeutlich, denn "diese Menschen" wurden als Angehörige von Volksgruppen verfolgt, als Jenische, als Zigeuner, als Komödianten, als Zirkusleute, als Nomaden .. als Menschen wurden sie leider nicht mal gesehen, sie alle wurden wie Tiere zusammen getrieben und abgeschlachtet und diese Frau ohne Ahnung, hat einen Vortrag ohne Ahnung gehalten, um ihr Buch bei dieser Versammlung zu bewerben. DAS macht einen Sinn.

Bei einem Buch von dieser Frau frage ich mich allerdings, ob das Buch einen Sinn macht, denn abgrundtief falsche Darstellungen unserer Völker gibt es ja schon genug .. wir sind keine sozialen Randgruppen, wir sind Völker, Frau Keil ... sind Sie vielleicht mit Eva Justin verwandt oder mit anderen Zigeuner Spezialisten ? Das fällt ja schon fast unter Volksverhetzung, was Sie erzählen, auf jeden Fall täuschen Sie die Leute, denn die kommen nicht wegen ihrem Buch, sondern wegen den Bewohnern auf dem Wohnwagenplatz an der Bonameser Strasse oder um die reale Geschichte der einst 'als Zigeuner Verfolgten' zu erfahren, nicht um Erfindungen Ihrerseits kennen zu lernen !!!!
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Wir bedanken uns sehr herzlich bei den anwesenden Damen und Herren des Bonameser Wohnwagenplatzes für ihr riesiges Engagement, für ihre kurz gehaltene, durchdachte und zutreffende Darstellung, für die engagierte Beantwortung der Fragen aus dem Publikum und für ihren sehr sympathischen Vortrag, der klar und deutlich zeigte, wer die Wissenden und die Betroffenen sind.

Vielen Dank liebe Reisenden von der Wohnwagen Gemeinschaft Bonames !!!!! Ihr seid SUPER !!!




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