Montag, Juni 7, 2021

Die Geschichte der Sinti

In Erinnerung und Trauer um einen unersetzlichen Freund, einen super Musiker, einen Politiker mit Herz und Verstand, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlte, ehrlich, offen, herzlich, liebenswert, der viel zu früh abgerufen wurde.

Rigo Winterstein

Er hat diesen Bericht vor einigen Jahren verfasst und auf seine Facebook-Seite gesetzt, wo er vom Team der European Yenish Union übernommen und in 3 weitere Sprachen übersetzt wurde. Wir übernehmen diesen Bericht, weil er die wahre Geschichte der Sinti erzählt, nicht die erfundene Version, die sich international im Umlauf befindet und mit der Geldgier einiger weniger zu tun hat. Jene, die nichts wissen, erkennen leider nicht die Wahrheit.


DIE GESCHICHTE DER SINTI

Sinti sind eine eigenständige ethnische Minderheit. Sie sind seit sechs Jahrhunderten Diskriminierung, rassistischen Vorurteilen (und Verfolgung bis zum Jahr 1945) in Deutschland ausgesetzt. Erste urkundliche Erwähnung der Sinti erfolgte im Jahr 1407 in Hildesheim, damals unter dem Begriff „Tataren”. Es gab nur eine „relativ kurze gute Zeit” als Sinti im 15. Jahrhundert Geleitbriefe des Fürsten Sigismund erhielten, die sie unter seinen Schutz stellten.

Ansonsten mussten sie in den vergangenen 600 Jahren Ausgrenzung und Diskriminierung erdulden. Sie wurden zeitweise als „vogelfrei” erklärt, Höhepunkt war dann unter der Nazi-Herrschaft der Versuch der völligen Vernichtung der Sinti als Ethnie. Danach wurde der Völkermord an den Sinti noch jahrzehntelang verleugnet.

Erst 1982 erfolgte durch Bundeskanzler Helmut Schmidt eine entsprechende Anerkennung des erlittenen Unrechts. Im Jahre 1995 wurden Sinti dann als eine der vier nationalen Minderheiten anerkannt. Jedoch bis heute nicht als eigenständige Minderheit, sondern als eine der vier anerkannten deutschen Minderheiten: der Dänen, Friesen, Sorben und der „Sinti und Roma”.

Obwohl sich die Sinti Allianz Deutschland e.V. seit Jahren dafür einsetzt, dass die Sinti als eigenständige ethnische Volksgruppe und nationale Minderheit anerkannt werden, scheint es die Politiker in Berlin wenig zu interessieren, und das Anliegen der Sinti wird bis heute ignoriert. Lediglich der Minderheitenbeauftragte Hartmut Koschyk (BMI) verweist auf seiner Homepage darauf, dass sich die deutschen Sinti und Roma als zwei unterschiedliche Ethnien verstehen.

Sinti werden bis heute immer wieder mit dem unglücklich gewählten und nur angeblich „politisch korrekten” Doppelbegriff „Sinti und Roma” in Verbindung gebracht, der in den 1990er Jahren erfunden wurde. Die Lebenswelten von Sinti und Roma sind sehr verschieden, da sie eine unterschiedliche Geschichte und geografische Herkunft, Wertvorstellungen und Kultur haben. Vor allem die Kultur, Gebräuche, Traditionen und ihre Sprache weichen stark voneinander ab. Im Alltag gibt es kaum Berührungspunkte zwischen Sinti und Roma.

Sinti sind überwiegend deutsche Staatsbürger, die seit 600 Jahren in Deutschland beheimatet sind. In geringerer Zahl leben auch Sinti aus den Niederlanden, Österreich, Norditalien, Belgien, Frankreich und Tschechien in Deutschland.
Sinti haben seit 600 Jahren Fremdbezeichnungen hinnehmen müssen. Sinti bezeichnen sich selbst als Sinti, das ist ihre Eigenbezeichnung. Viele von ihnen bezeichnen sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auch als Zigeuner. Wenn dieses Wort wertneutral eingesetzt wird, haben sie nichts dagegen. Es gibt auch Sinti, die das Wort Zigeuner ablehnen. Auch das muss man respektieren.

Sinti bezeichnen sich aber niemals als Roma, genauso wenig wie auch Roma sich als Sinti bezeichnen würden. Vor allem lehnen Sinti es ab, als Untergruppe der Roma bezeichnet zu werden. Weder in Deutschland, noch im europäischen Gebiet oder weltweit. Das ist schlichtweg falsch.

Das Wort „Zigeuner” wurde lediglich durch den Doppelbegriff „Sinti und Roma” in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft ersetzt, ohne, dass dies zu einer Differenzierung und vorurteilsfreieren Haltung beitragen konnte. Eine mangelnde Differenzierung wird weder der Sinti-Gemeinschaft noch der Roma-Gemeinschaft gerecht. Dass der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sowie seine angeschlossenen Landes- und Regionalverbände stereotyp behaupten, Sinti und Roma wären eine einheitliche ethnische Minderheit, ist für Sinti nicht nachvollziehbar und tolerierbar. Dies macht eine Differenzierung nicht einfacher sondern komplizierter.
Im Holocaust wurden in Deutschland hauptsächlich deutsche Sinti verfolgt. Deutsche Roma gab es damals vergleichsweise wenig. Durch den Völkermord an den Sinti ist ein großer Teil ihrer kulturellen Identität verloren gegangen. Vor allem die älteren Sinti wurden vernichtet und die wenigen, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten waren derartig traumatisiert, dass sie ihren Nachfahren kulturelle Gebräuche und Traditionen nicht genügend weitergeben konnten.

Man darf nicht vergessen, dass im 1. und zu Anfang des 2. Weltkriegs Sinti ihr deutsches Vaterland mit verteidigt haben und zum Kriegsdienst eingezogen worden sind. Für Sinti ist es besonders traumatisch, dass sie von ihren eigenen Landsleuten, also den Deutschen, verraten wurden und vernichtet werden sollten. Das war viel schwerer zu bewältigen, als wenn eine fremde Nation dazu aufgerufen hätte. Diese unfassbare Tatsache hat sich bis in die nachfolgenden Generationen im Gedächtnis verankert.

Die Eigenbezeichnung SINTI ist Teil der kulturellen Identität jedes Sinti-Angehörigen und beinhaltet die Zugehörigkeit zur eigenständigen ethnischen Minderheit. Ihre kulturelle Identität wollen Sinti nicht verlieren. Deshalb legen Sinti großen Wert darauf, dass dies von der Öffentlichkeit gesehen und respektiert wird, insbesondere auch von den Medien und der Politik.

Sinti als alteingesessene Minderheit müssen sich immer noch - und das seit 600 Jahren - gegen Vorurteile und Rassismus wehren und wünschen sich mehr Akzeptanz und Anerkennung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Quelle: Sinti Union Düsseldorf / Rigo Winterstein

Herausgeber: Sinti Union Düsseldorf / Rigo Winterstein

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